Luzern: Die Stadt der Bilderbrücken

Bereits um 1400 besass die Stadt Luzern vier Brücken. Die Reussbrücke an der engsten Stelle der Reuss – zwischen Kapellbrücke und Spreuerbrücke – war nördlich des Vierwaldstättersees der einzig befahrbare Wasserübergang und verband die Luzerner Altstadt auf dem rechten Ufer mit der so genannten Kleinstadt (heute Neustadt) auf dem linken Ufer. Drei Holzbrücken kamen hinzu: die Hofbrücke zwischen der Stadt und der Stiftskirche St. Leodegar im Hofbezirk, die zum Pilgerweg nach Santiago di Compostela gehörte, die Kapellbrücke mit dem Wasserturm und die Spreuerbrücke mit dem ehemaligen Mühlenbezirk. Alle Holzbrücken wurden im 16. und 17. Jahrhundert mit Bildtafeln geschmückt. Kapellbrücke und Spreuerbrücke blieben bis heute erhalten. Die Hofbrücke wurde zwischen 1835 und 1852 abgetragen, um für die neuen Quaianlagen und das Hotel Schweizerhof Platz zu machen. Luzern ist die einzige Stadt Europas, in der die Brücken mit dreieckigen Bildern geschmückt wurden.

Die Kapellbrücke
Die Kapellbrücke entstand um 1365. Die Brücke war ursprünglich Teil der Stadtbefestigung und 285 Meter lang. Im 19. Jh. wurde sie mehrfach verkürzt.
Im 17. Jh. erhielt die Kapellbrücke einen Bilderzyklus. Staatsschreiber Renward Cysat, ein Universalgelehrter, hat ihn entworfen, der Renaissance-Maler Hans Heinrich Wägmann gemalt. Der Bilderzyklus widerspiegelte das Werden von Stadt und Republik Luzern aus der Sicht der Gegenreformation. Andere Bilder zeigten das Leben und Leiden der Stadtpatrone Sankt Leodegar und Sankt Mauritius.
In der Nacht vom 17. zum 18. August 1993 geriet die Kapellbrücke in Brand. 81 von 111 Brückenbildern verbrannten. Die Bilder an beiden Brückenenden haben das Schadenfeuer überlebt. Bis zur Brandnacht war die Kapellbrücke die älteste Jochbalkenbrücke weltweit.
 

Die Bilder
Der Rat von Luzern beauftragte 1599 den Universalgelehrten Renward Cysat, für die Kapellbrücke ein Bildprogramm „von der Stadt des Vaterlands Geschichten“ zu entwerfen. Renward Cysats Konzept für den Bilderzyklus widerspiegelt das Werden von Stadt und Republik Luzern aus der Sicht der katholischen Gegenreformation.
Der Bilderzyklus enthielt drei Themenkreise: die Entwicklung der Luzerner und Schweizer Geschichte, das Leben und Sterben des Stadtpatrons, des Heiligen Leodegar, und die Heiligenlegende des Schutzpatrons der Schweiz, des Heiligen Mauritius.
Die Bilder wurden durch Spender finanziert, die dafür ihr Wappen an das von ihnen gestiftete Bild anbringen lassen konnten.
Gemalt wurden die Bilder von Hans Heinrich Wägmann (1557-1628). Der aus dem reformierten Zürich stammende katholische Maler wollte nicht konvertieren und siedelte deshalb 1582 in das katholische Luzern über.
Die Bilder wurden direkt auf drei bis fünf aneinander gefügte Holzbretter gemalt und mit einer dünnen Firnis überzogen.

Ursprüngliche Bild-Abfolge
Das erste Thema bildete die Geschichte Luzerns und der Eidgenossenschaft. Es begann am linken Ufer der Reuss, neben der Jesuitenkirche, mit dem Bild des Riesen von Reiden, der kraftstrotzenden, mythischen Gestalt, die als Ursprung der starken und mächtigen Luzerner gelten musste, und endete mit der Darstellung des Jesuitenkollegiums (dem Ritterschen Palast). Die ersten Entwicklungsstufen der Stadt wurden gezeigt, immer in Verbindung mit zwei unterschiedlichen weiteren Themensträngen: der Darstellung der militärischen Stärke und der katholischen Treue zu Kirche und Glauben.
Der Zweck dieser Abfolge lag darin, den Leuten, die vom linken Ufer, der Kleinstadt, in die Altstadt am rechten Ufer über die Kapellbrücke schritten, zu zeigen, dass seelisches und irdisches Glück in Luzern eng verwandt waren: Wer beides für sich wünschte, musste Schweizer, besser aber noch Luzerner sein, dem katholischen Glauben angehören und als Soldat tüchtig und gewillt sein, fremde Dienste zu leisten. Denn die Stadt und Republik Luzern bezog damals die wesentlichen Staatseinnahmen aus Soldverträgen mit Frankreich, Spanien und dem Königreich beider Sizilien.
Die innere Architektur des Bilderzyklus war ein politisches und ideologisches Meisterwerk und auf diese Weise einzigartig im damaligen Europa.

Text: Ueli Habegger

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